Orta San Giulio – kleines Juwel im Piemont

Still und verträumt liegt der kleine See in den grünen Hügeln des nördlichen Piemont. Während nur 20 Kilometer weiter an den Ufern seines großen Bruders, des Lago Maggiore, das ganze Jahr turbulentes Treiben herrscht und Touristenmassen sich über Promenaden und durch die Gassen schieben, geht hier alles viel beschaulicher zu.

Wir sitzen in einer Bar auf der Piazza Motta in Orta San Giulio, vor uns ein Aperol Spritz, der Blick auf den See und die Insel San Giulio und genießen die Frühlingssonne.

Um uns herum lebhafte italienische Unterhaltungen, man trifft sich zum Nachmittagsplausch- „chiachierata“-auf der Piazza, dem Zentrum des kleinen Ortes. Außer uns sind an diesem herrlichen Nachmittag im April kaum Touristen hier unterwegs.

 

Der

Lago d’Orta

ist der westlichste und mit etwa 18 Quadratkilometern Fläche der kleinste und vielleicht unbekannteste der oberitalienischen Seen.

Die großen Urlaubermassen sind hier, im Gegensatz zu Lago Maggiore, Comer See oder Gardasee, selten zu finden und schon gar nicht jetzt, da die Badesaison noch nicht begonnen hat. In erster Linie finden Wochenendbesucher aus dem gut 100 Kilometer entfernten Mailand den Weg hierher.  Und so sind der Lago d´Orta  und Orta San Giulio fast noch ein Geheimtipp!

Orta San Giulio

Nur etwa 1200 Einwohner leben hier im Hauptort des Sees, der sehr malerisch auf einer Landzunge im See liegt.

Fahrzeuge müssen am Rand des kleinen Örtchens abgestellt werden, denn das Zentrum von Orta San Giulio ist autofrei.

 

Und so bummeln wir  an diesem wunderbar sonnigen Frühlingstag gemütlich und entspannt durch die schönen alten Gassen – ursprünglich und typisch italienisch präsentiert sich uns das Städtchen mit herrlichen alten Häuser, die meisten aus der Zeit der Renaissance und des Barock, viele wunderschön bemalt.

Zentrum ist die Piazza Motta mit dem alten Rathaus und der Markthalle.

Von hier aus kann man mit dem Schiff auch einen Ausflug zur nahen Isola San Giulio machen. Dort findet man die Abtei Mater Ecclesiae und die Basilica di San Giulio, die dem Heiligen Julius geweiht ist und dessen Gebeine in der Krypta ruhen sollen.

Die Kirche Santa Maria Assunta stammt aus dem späten 15. Jahrhundert, wurde im 18. Jahrhundert neu gestaltet.

Mein Lieblingsplatz aber ist ein wunderschönes, etwas verstecktes Plätzchen: der Giardino del municipio. Von dem zwischen dem neuen Rathaus und dem Ufer gelegenen kleinen öffentlichen Park hat man einen traumhaften Blick auf den See!

Wir wollen nun aber die berühmteste Sehenswürdigkeit Ortas besuchen. Doch dazu müssen wir uns ein bisschen anstrengen: 90 Meter über dem See und dem Ort thront der Heilige Berg

Sacro Monte d´Orta

Neun dieser „Sacri Monti“ gibt es in Norditalien (acht im Piemont, einer in der Lombardei), seit 2003 sind sie UNESCO-Welterbe und doch eher unbekannt, obwohl sie seit Jahrhunderten Pilger- und Wallfahrtsstätten sind.

Jeder der Heiligen Berge widmet sich einem anderen christlich-religiösem Thema und der Sacro Monte d´ Orta dient ausschließlich der Verehrung des heiligen Franz von Assisi.

Zwanzig Kapellen wurden hier ab 1590 auf diesem bewaldeten Hügel gebaut. Spiralförmig ziehen sie sich an einem Weg entlang durch den Park den Berg hinauf. Ein landschaftlich schöneres Eckchen hätte man dem heiligen Franziskus, der die Natur und die Schöpfung so verehrte, nicht widmen können.

Ein bisschen außer Atem kommen wir schon auf dem Weg vom See hinauf, bis wir die erste Kapelle erreichen.

Und hier erwartet mich eine große Überraschung! Ich betrete die Kapelle und zucke erschrocken zusammen: Bin ich in eine Zeitschleife geraten? Der ganze Raum ist voll mit Menschen in Gewändern längst vergangener Zeiten. Wird hier etwa ein Theaterstück aufgeführt?

Nein! Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass es sich um lebensgroße bemalte Figuren (aus Terrakotta, wie ich später erfahre) handelt, die Szenen aus dem Leben des heiligen Franziskus darstellen. Täuschend echt stehen und sitzen sie da und lassen die Kulisse tatsächlich fast lebendig erscheinen.

Eine künstlerische Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass alle diese insgesamt (in allen 20 Kapellen zusammen) 376 Statuen schon vor einigen hundert Jahren geschaffen wurden!

Es ist wirklich spannend, die Szenen in den einzelnen Kapellen auf sich wirken zu lassen, auch wenn man nicht besonders religiös ist. Aber auch die wunderschönen Deckengemälde sind es wert, ausgiebig betrachtet zu werden.

Am Ende des Kapellenweges und am höchsten Punkt des Berges steht die Kirche San Nicolao Francesco, die schon im 11. Jahrhundert errichtet wurde, also lange vor dem Bau der Kapellen und der Idee des Sacro Monte. Allerdings wurde sie später im Stil der unteren Basilika San Francesco in Assisi umgestaltet und neben dem ursprünglichen Patron, dem heiligen Nikolaus, auch noch Franziskus geweiht.

Noch schöner als die Kirche selbst aber ist der Blick von hier oben auf den See!

Villa Crespi

Auf dem Weg zurück kommen wir noch an einem sehr außergewöhnlichen Gebäude vorbei, das eigentlich nicht so recht hierher passt.

Ich bin dieser Architektur bisher eher in Marokko oder Andalusien begegnet, aber in Italien hätte ich sie nicht erwartet: ein Palast, üppig orientalisch verziert mit einem Turm wie ein Minarett!

An dem Schild am Eingang erfahren wir, dass es sich heute um ein Fünf-Sterne-Luxus-Hotel handelt, aber ursprünglich war es 1897 als hochherrschaftliche Villa des Unternehmers Cristoforo Benigno Crespi  erbaut worden. Exzentrisch im damals (zumindest bei denen, die es sich finanziell leisten konnten) populären Stil des Exotismus.

Ein sehr imposanter Anblick!

Wir übernachten auf dem Campingplatz

Camping Orta

Er liegt einfach ideal, um zu Fuß den Ort und den Heiligen Berg zu entdecken.  Zu beiden Seiten der Via Domodossola, der Straße SP229, die am See entlangführt, liegt der gepflegte Platz nur wenig mehr als einen Kilometer von Orta San Giulio entfernt.

Genial sind die Stellplätze auf der Seeseite, die direkt am Wasser liegen. Jeder hat seinen eigenen Einstieg ins Wasser und der Blick auf den See, den Sacro Monte und die Villa Crespi  ist einfach phänomenal!

Was hatten wir ein Glück, einen dieser Plätze zu ergattern!

Besser geht es kaum! Absolut empfehlenswert!

Unser Fazit:

Der Lago d´Orta und Orta San Giulio sind noch eher unbekannte Reiseziele. Aber genau das ist das Schöne. Hier kann man noch das italienische „La Dolce Vita“ genießen, ohne von Touristenmassen gestört zu werden. Herrlich beschaulich und erholsam. Uns hat es hier sehr gut gefallen und wir werden sicher wiederkommen!

Info:

von Süddeutschland über die Schweiz (E43 San Bernadino) bis nach Bellinzona (218 km ab Lindau,  390 km ab München

Von dort am Westufer des Lago Maggiore entlang bis Feriolo und dann die SP229 weiter (88 km ab Bellinzona)

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