Bunte Türen, Windflüchter und Zeesenboote- mit dem Fahrrad rund um den Darß

Radfahren am Meer entlang ist eintönig? Aber nicht auf dem Darß!  Unsere Radtour über diese wunderschöne Ostsee-Halbinsel hat uns so viele verschiedene Eindrücke beschert, dass ich sie kaum in einer Geschichte erzählen kann. Ich versuche es trotzdem:

Fischland – Darß – Zingst

Was sich wie eine willkürliche Aufzählung anhört, ist der offizielle Name dieser Halbinsel im Norden Mecklenburg-Vorpommerns. Sie besteht (wen wundert´s) aus drei ehemaligen Inseln, die ab dem 14. Jahrhundert nach und nach durch die Aufschüttung der schmalen Zwischenräume miteinander verbunden wurden. Daraus entstand eine zusammenhängende Halbinsel mit ihrer charakteristischen Form (ähnlich markant wie Sylt, wie ich finde)

Mit dem Festland verbunden ist sie nur im Süden Fischlands, ansonsten trennt sie die Darß-Zingster Boddenkette. Die Bodden sind lagunenartige, flache Gewässer, die zum Meer hin durch die Halbinsel abgeschirmt sind und aus nahezu salzfreiem Wasser bestehen (was zu einer einzigartigen Flora und Fauna führt).

 

Der Darß

An diesem wunderschönen warmen Frühsommertag schwingen wir uns nun auf unsere Fahrräder, um die mittlere der drei ehemaligen Inseln – den Darß – ausgiebig erkunden.

Allein sind wir nicht unterwegs. Zwar ist die Halbinsel nicht so bekannt wie ihre Nachbarn Rügen und Usedom, aber genau diese Tatsache, dass Fischland-Darß-Zingst noch immer als Geheimtipp gilt, zieht immer mehr Besucher an.

Ein großer Teil des Darß gehört zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft und ist deshalb aus Naturschutzgründen nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen. Super angelegte Radwege und kaum Höhenunterschiede laden jeden zum Radeln hier ein. Die sportliche Anstrengung hält sich in Grenzen und es braucht keine besonders gute Fitness, um den Darß zumindest teilweise mit dem Rad zu erkunden.

Unser Startpunkt zur Darß-Umrundung ist

Prerow

Denn hier am Hafen beginnt der Darß.

Gleich östlich davon sind wir schon auf Zingst. Die beiden Inseln wurden hier erst am Ende des 19. Jahrhundert miteinander verbunden, als der Prerower Strom, der sie voneinander getrennt hatte, an dieser Stelle zugeschüttet wurde.

Hier am Hafen starten auch Ausflugsschiffe zu Rundfahrten auf den Bodden.

Gleich daneben steht die Prerower Seemannskirche:

Schon seit dem 13. Jahrhundert steht hier wohl eine Kirche. Die verschiedenen Bauwerke fielen (solange der Darß noch eine Insel war) im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Sturmfluten zum Opfer. Die heutige robuste Backsteinkirche entstand 1830.  Nur der Turm ist noch immer aus Holz und mit Schindeln gedeckt.

Vom Inneren der Kirche bin ich dann doch erstaunt. So hell und lichtdurchflutet hätte ich es nicht erwartet.

Der Innenraum erinnert mich an den skandinavischen Stil – weiß und schlicht. Und tatsächlich ist die Kirche in der Zeit entstanden, als der Darß zu Schwedisch-Vorpommern gehörte.

Große Modellschiffe hängen von der Decke. Sie wurden aus Dankbarkeit von Seeleuten der Kirche gestiftet und machen sie zu etwas ganz Besonderem.

Um die Kirche herum liegt seit Jahrhunderten der Friedhof. Idyllisch, wie ein kleiner Park, lädt er im Schatten der alten Bäume fast zum Bummeln ein.

Ich spaziere entlang der alten Grabsteine, die zum großen Teil bereits sehr verwittert sind. Aber trotzdem kann ich an einigen noch sehr schön erkennen, wie aufwendig sie gearbeitet waren.

Ein noch gar nicht so alter Grabstein erregt meine Aufmerksamkeit:

Es ist das Grab des Tischlers Roloff.

Sein Grabstein erinnert an eine jahrhundertealte, wunderschöne Prerower Tradition: die Darßer Türen.

Auf unserer Fahrt durch den Ort entdecken wir viele Häuser mit außergewöhnlich bunten, aufwändig verzierten Haustüren. Sie sind typisch für den Darß und besonders für Prerow.

Die Symbole und Ornamente haben eine lange Tradition. So ist auf fast jeder Tür die aufgehende Sonne abgebildet. Sie zeigt die Hoffnung der Seeleute auf eine glückliche Heimkehr.

Die Türen werden bis heute zum Großteil noch immer in Handarbeit von der Kunsttischlerei Rohloff in Prerow hergestellt, einem fast 200 Jahre alten Familienbetrieb.

https://www.kunsttischlerei-roloff.de/

Ihr wollt mehr dazu erfahren? Dann besucht gerne das Darß-Museum in Prerow https://www.ostseebad-prerow.de/de/kultur/darss-museum.html

Doch jetzt zieht es uns ans Meer:

 

In nur fünf Minuten von der Seemannskirche aus erreichen wir die Seebrücke von Prerow. Die Fahrräder parken wir am Beginn des Hauptübergangs und flanieren, an kleinen Buden mit Souvenirgeschäften, Fischimbissen und Eiscafés vorbei, bis zur

Seebrücke Prerow

Die heutige Seebrücke wurde 1993 gebaut und ragt 395 Meter in die Ostsee hinaus!

 

Mit einem schönen Blick die Küste entlang.

Nach der obligatorischen Stärkung mit einem Fischbrötchen (das muss für mich Landratte am Meer einfach immer sein!) verlassen wir Prerow, um das nordwestlichste Eck des Darß zu erreichen:

Darßer Ort

Etwa 5 Kilometer fahren wir auf schönen Waldwegen von Prerow aus nach Westen und passieren unterwegs den Eingang zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft.

Der Weg endet am alten Leuchtturm von 1848. Als ältestes aktives Leuchtfeuer Mecklenburg Vorpommerns sendet er bis heute seine Signale an die Schiffe auf dem Meer.

Eigentlich befindet sich am Fuße des Leuchtturms das Natureum (eine Außenstelle des Stralsunder Meeresmuseums, mit interessanten Ausstellungen zur Natur des Nationalparks) und ein Café.  Leider ist das ganze Gelände bei unserem Besuch aber coronabedingt geschlossen.  Daher (und das enttäuscht mich am meisten) ist es auch nicht möglich, die 134 Stufen den Leuchtturm hinaufzusteigen, um den grandiosen Blick über die Nordspitze des Darß zu bekommen. Schade, darauf hatte ich mich sehr gefreut.

So können wir heute den Turm leider nur von außen bewundern.

Von hier aus, etwa 14 Kilometer die Küste nach Süden entlang, erstreckt sich einer der schönsten und wildesten Strände Deutschlands – der

Darßer Weststrand

Wir radeln von Darßer Ort erst mal wieder zurück in den Wald und ein paar wenige Kilometer nach Süden.  Dort biegen wir in einen Seitenweg ein, der uns wieder zum Strand bringt.

Und nicht nur uns! Der Weststrand ist ein beliebtes Fahrradziel an diesem Frühsommer-Sonntag.

Von Westen her der rauen See ausgesetzt, hat der Strand im Laufe der Jahrhunderte seinen einzigartigen Charakter entwickelt.  Feinster Sand und schiefe Windflüchter  – eine einmalige Kulisse.

Heute ist das Wetter aber so schön, dass sich uns der Weststrand weder rau noch wild präsentiert, sondern fast mediterran.

Nach einer erholsamen Pause schwingen wir uns wieder auf unsere Räder, denn wir wollen ja noch weiter!

Einige Kilometer lang führt der Fahrradweg fast kerzengerade nach Süden durch den Wald.

Aber durch einen ganz besonderen!

Leuchtend grüne, fast mannshohe Farne soweit das Auge reicht – wir fühlen uns wie in einem Zauberwald!

Einfach traumhaft – fast wie im Märchen.  Insgeheim erwarte ich jeden Moment, dass Feen und Kobolde auf den Weg springen!

Am Ende des Waldes erreichen wir

Ahrenshoop

ein in vieler Hinsicht bemerkenswerter und interessanter Ort:

Hier ist das südliche Ende des Darß, die Grenze zu Fischland.

 

Außerdem verläuft mitten durch Ahrenshoop die historische Grenzlinie zwischen Mecklenburg und Vorpommern.

Wir folgen dem Grenzweg von der Dorfstraße aus zum Meer und finden dort das wahrscheinlich bekannteste Motiv des Darß:

Den Windflüchter

Sicherlich ist auch euch diese Ansicht, wie fast jedem, irgendwo schon mal begegnet (ob auf Postkarten oder in Büchern).  Aber wahrscheinlich nicht unbedingt als fotografiertes Motiv, sondern oft als Gemälde.

Denn das wunderschöne idyllische Fischerörtchen Ahrenshoop zieht seit mehr als einhundert Jahren viele Künstler an.

Der Maler Paul Müller-Kaempff hatte sich Ende des 19. Jahrhundert hier niedergelassen und eine Malschule eröffnet.  Viele seiner Kollegen folgten ihm im Laufe der Zeit und so entwickelte sich Ahrenshoop zu einer der wichtigsten Künstlerkolonien Deutschlands.

https://www.ahrenshoop.m-vp.de/kuenstlerkolonie-ahrenshoop/

Und die Kunst lebt bis heute hier:

 

Im Kunstmuseum

 

den berühmten Kunstkaten

 

und auch entlang des Meeres auf dem Kunstpfad Ahrenshoop

Ahrenshoop ist deshalb ein sehr beliebtes Besucherziel!

Nach einem Bummel durch den Ort fahren wir aber jetzt weg vom Meer und hin zum Bodden!

Der Radweg führt nun nicht mehr durch den Wald, sondern entlang des Wassers mit Blick auf die weiten Lagunen der Boddenlandschaft. Völlig neue Eindrücke!

Unser nächstes Ziel ist der kleine Ort

Born am Darß

Bevor wir hier den Boddenhafen erreichen, legen wir noch einen kurzen Stopp an der Fischerkirche ein.

Sie ist nicht so alt wie die Seefahrerkirche in Prerow (erst in den 1930er Jahren erbaut) und vollständig aus Holz.

Der Innenraum ist absolut beeindruckend!

Das Gewölbe wirkt wie ein umgedrehtes Schiff (die Form soll für eine hervorragende Akustik sorgen),

kunstvoll verziert mit eingraviertes Bibelversen ringsum

und wunderschön geschnitzten Stützfiguren.

Die Kirche ist es unbedingt wert, in allen Details betrachtet zu werden (sowohl innen als auch außen)!

Am Boddenhafen brauchen wir jetzt aber erst mal nach so vielen geradelten Kilometern dringend eine Stärkung!

Von den netten Damen des Hafenbistros lassen wir uns leckeren Fisch servieren, sitzen am Hafen und genießen den Blick auf die Weite des Boddens!

Es fällt uns schwer, wieder aufzubrechen, so gemütlich ist es hier!

Aber wir haben ja noch ein Stück Weg vor uns zurück nach Prerow.

An wunderschönen reetgedeckten Häusern vorbei geht es weiter am Bodden entlang nach

Wieck

Hier im Hafen sehe ich jetzt zum ersten Mal die berühmten Zeesenboote:

Seit Jahrhunderten wurden diese Segelboote zum Fischfang verwendet.

Ihr flacher, breiter Rumpf ist für die Fahrt auf den recht seichten Boddengewässern entwickelt worden Die Fische wurden in einer Art Sack, der Zeese, die hinter dem Schiff auf dem Grund hergezogen wurde, gefangen.

Heute werden sie Zeesenboote kaum noch zum Fischen, sondern fast nur noch als private Freizeitboote verwendet.

Oder als außergewöhnliches Erlebnis für Segeltouren angeboten:

https://www.erholungsort-wieck-darss.de/der-maritime-ort/zeesbootfahrten

Die letzten Kilometer zurück nach Prerow radeln wir entlang der natürlichen Grenze zwischen dem Darß und Zingst –dem

Prerower Strom

Er ist Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft und ein Naturparadies!

http://www.nationalpark-vorpommersche-boddenlandschaft.de/vbl/index.php

An der Aussichtsplattform halten wir an und können einige Beobachtungen der außergewöhnlichen Tierwelt hier machen! Welch eine Ruhe!

Aber die wird zweimal im Jahr lautstark unterbrochen, wenn nämlich im Frühjahr und im Herbst zehntausende Kraniche auf ihrem Zug zwischen Winter- und Sommerquartier hier Rast machen. Das muss ein faszinierendes Naturschauspiel sein, zu dem wir auf jeden Fall einmal hierherkommen müssen!

Jetzt aber sind nur noch wenige Nachzügler zu entdecken.

Und dann erreichen wir nach über 40 Kilometern wieder unseren Startpunkt, den Hafen von Prerow.

Ich gebe es zu – ich bin ein wenig müde und die Beine sind ein bisschen schwer (nein, ich bin NICHT mit einem E-Bike unterwegs).

Aber wir hatten einen tollen Tag mit einer Vielzahl völlig unterschiedlicher Eindrücke: Meer und Bodden, Wald, Tiere, Kirchen und Kunst, Häfen und Boote. Und gutes Essen! Abwechslungsreicher und spannender geht’s kaum. Und trotzdem konnten wir in der Ruhe der traumhaften Landschaft herrlich entspannen – ein perfekter Urlaubstag!

https://www.fischland-darss-zingst.de/

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